Izmir, Türkei
2002
Anna Hachfeld
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Im Gesundheitszentrum von 2. Inonue habe ich famuliert oder sagen wir besser habe ich versucht zu famulieren. Der Gegensatz zum 10 Minuten entfernten Uniklinikum ist groß und die Verhältnisse oben auf dem Berg entsprechen eher denen eines Entwicklungslandes. Die Patienten können oft weder weiterführende Diagnostik, noch Medikamente bezahlen. Ich sitze von der Hitze ganz erschlagen im Sprechzimmer und staune wie viele Schichten so eine muslimische Frau unter Schleier und Mantel trägt. Kurz darauf sitzen sich ein kurdischer Patient, ein türkischer Arzt und eine deutsche Famulantin gegenüber und stellen fest, dass keiner von ihnen auch nur eine Sprache des anderen spricht. Aufgrund des Sprachproblems habe ich in den Wochen in 2. Inonue vor allem Leute beobachtet. Dieses Viertel und die Menschen dort haben mich beeindruckt. Vier Wochen nur Menschen beobachten ohne mit ihnen reden zu können, war mir dann aber trotzdem zu lang. Aus diesem Grund habe ich außerdem noch die Geburtshilfe eines staatlichen Krankenhauses besucht.

Der 2. Monat : Meine Anlaufstelle, um etwas über die Menschenrechtssituation und -arbeit in der Türkei zu erfahren, war die TIHV, die türkische Menschenrechtsstiftung Izmir, ein Rehabilitationszentrum für Folteropfer. Ich habe in diesen Wochen vor allem Gespräche geführt und Leute besucht, die im Menschenrechtsbereich arbeiten. Am beeindruckendsten für mich waren die Leute selber mit ihren Geschichten und Motivationen. Neu für mich waren Klienten mit frischen Traumata, denn in Deutschland finden die Menschen meist erst Monate bis Jahre nach der Folter Behandlung. Dementsprechend hatte ich das Gefühl, dass gerade bei diesen Menschen am Anfang andere Dinge im Vordergrund stehen, wie zum Beispiel die Versorgung ihrer körperlichen Wunden und akuten Schmerzen. Auch das akribische rechtsmedizinische Prozedere mit dem Ziel, jegliche Spur von Folter festzuhalten und zu dokumentieren, kannte ich noch nicht, ebenso nicht die unmittelbare Gefahr die diese Menschen begleitet: jederzeit wieder festgenommen und gefoltert zu werden. 

Trotzdem sind die Struktur und die Behandlungsarten der TIHV denen des Behandlungszentrums für Folteropfer in Berlin sehr ähnlich - die Menschen, die dort arbeiten mit ihren Hintergründen und auch die Atmosphäre sind jedoch anders. Es wird viel gelacht und Tee getrunken. Die TIHV erschien mir immer wie eine Oase: ein Ort, an dem man sich gerne aufhält - ein Gegensatz zu dem, womit man sich dort beschäftigt. Die Menschen, die ich kennen gelernt habe, haben eins gemeinsam: sie haben ihr Leben der Arbeit für Menschenrechte und gegen Folter verschrieben und zwar ohne Grenzen zu ziehen. Praktisch alle haben selber Gefängniserfahrung, Anklagen, Prozesse ohne Ende... aber es scheint für alle außer Frage zu stehen, ihre Arbeit zu beenden.

Anna Hachfeld aus Berlin 2002 in Izmir / Türkei
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