Ploesti, Rumänien
2002
Hanka Oberreich
.
.
.
Mein Rumänienaufenthalt beginnt mit einer Famulatur auf der allgemeinchirurgischen Station in einem Unfallkrankenhaus ("Spitalul Clinic de Urgentia") in Bukarest. Irgendwann kommt Dr. Bulca. Im Schlepptau hat er seine zwei Assistenzärzte Silviu und Cristi. Wir stellen uns freundlich gegenseitig vor. In diesem Team um den Facharzt für Chirurgie Dr. Bulca kann ich also in den nächsten vier Wochen partizipieren. Dr. Bulca stellt mir Silviu an die Seite. Er ist im 3. von sechs Ausbildungsjahren zum Allgemeinchirurgen. Plötzlich ist auch Silvia da, sie hat sich "etwas" verspätet, aber das stört hier keinen. Silviu zeigt und erklärt mir nun auf "Befehl" von Dr. Bulca alle Patienten ihres Teams. Er spricht sehr gut Englisch. Die Diagnosen auf den Untersuchungsblättern kann ich ganz gut lesen, das war es dann aber auch schon. Die Verständigung mit den Patienten funktioniert für mich nur über Gestik oder mit Silvius Hilfe. Am Vormittag warten alle auf den Chefarzt. Er möchte sich jeden Patienten ansehen. So zieht dann das ganze Team über die Station, von Zimmer zu Zimmer. Ich habe noch nie so eine Menge Ärzte auf einmal gesehen. Selbst wenn ich ordentlich Rumänisch könnte, würde ich nichts mitbekommen, da es zu viele Menschen sind. So ziehe ich mit Silviu hinterher. Er erklärt mir jeden Patienten noch einmal neu. 

Alle Ärzte und Schwestern arbeiten auch am Sonnabend und Sonntag. Mein Team hat heute Dienst, d.h. sie haben einen ganz normalen Arbeitstag, müssen aber den ganzen Tag dableiben und einmal für vier Stunden tagsüber und einmal für zwei Stunden nachts in die Notambulanz. Alle Patienten, die sie an jenem Tag aufnehmen, begleiten sie von der Aufnahme bis zur Entlassung. Niemand der anderen Ärzte wird sie operieren, ihnen Anweisungen geben oder sie im Bedarfsfall betreuen. Hierfür ist nur das Team zuständig, welches den Patienten in der Notambulanz aufgenommen hat. In den Zimmern der Notaufnahme wird erste Diagnostik veranlasst, die Patienten behandelt und wieder nach Hause geschickt, wenn sie nicht von hier aus auf die Station geschickt werden und dort bleiben. Wenn die vier bzw. zwei Stunden in der Notambulanz vorbei sind, ist das nächste Team für die Notambulanz zuständig. Jetzt werden die akuten Fälle operiert, bzw. es wird versucht es zu tun, wenn ein OP frei ist, falls nicht noch einer der neu aufgenommen Patienten im Ultraschall oder beim Röntgen wartet. Das ist das seltsame System der rumänischen Medizin. Für die nächsten Tage sieht die Arbeit dann ähnlich aus, je nach Notaufnahmetag. Waren viele Patienten da, die aufgenommen und operiert werden mussten, wird weiter operiert oder weitere Diagnostik betrieben. Waren aber wenige Patienten zum Aufnehmen da, sind auch die nächsten Tage bis zum nächsten Notaufnahmetag sehr ruhig. Es sind ja keine Patienten zum Behandeln da. 

Sozialprojekt: In diesem Haus der "Concordia" ist Platz für ca. 14 Kinder zwischen 12 und 21 Jahren. Alle, bis auf meine Wenigkeit erwarten eine fertige Ärztin. Ich muss ihnen erklären, dass dem nicht so ist, ich also noch studiere. Für Claudia ist gleich klar, dass ich also in den nächsten Wochen mit helfen kann, die Kinder Deutsch zu lehren. Außerdem kann ich bei den Kindern die kleinen Wehwehchen heilen und mal sichten, wofür welche Medikamente geeignet sind, die im Arzneischrank so zahlreich stehen. Entweder gibt es eine Vielzahl von jeder Sorte oder nur noch einen kläglichen Rest. Bis vor kurzem gab es hier noch eine Krankenschwester, die mehrmals die Woche kam. Doch jetzt wird das Zimmer nur noch als Notschlafplatz benutzt. Na mal sehen, was mich da noch erwartet....
Gleich am zweiten Morgen habe ich die Möglichkeit, den Tagesablauf kennen zu lernen. Gegen 7.30 Uhr geht in meinem Nachbarzimmer das Radio an. Das ist wahrscheinlich das Wecksignal für alle. Wow, ganz schön laut, aber da wird man wenigstens munter. Die Musik bleibt in dieser Lautstärke fast den ganzen Tag an, bis auf die Mahlzeiten und das Abendgebet. Vielleicht ist das Radio auch mal am Vormittag aus, wenn die Kinder Deutsch lernen, aber in meiner Erinnerung spielte den ganzen Tag laute Musik. Meist sind alle Kinder draußen im Hof, tanzen zur Musik, spielen Tischtennis, Fuß- oder Volleyball und rauchen. Es sind eben Ferien. Nach dem Abendessen gibt es jeden Tag um 20 Uhr das Abendgebet. Hier wird gesungen, noch einmal über den Tag nachgedacht , aus der Bibel gelesen und Fürbitte für die eigene Familie oder Freunde auf der Straße gehalten. Die meisten Kinder nehmen das Gebet sehr ernst. Danach wird noch bis zur Nachtruhe um 23 Uhr gespielt, getanzt und natürlich geraucht.

Während des Essens zeigt mir Lacramioara ihr Ohr. Irgendetwas tut ihr da weh. Es ist eine Schwellung. Mehr kann man im Tageslicht nicht erkennen. Einen Ohrtrichter gibt es nicht. Claudia zeigt mir verschiedene Arzneimittel. Es reicht vom Desinfektionsmittel bis zum Antibiotikum. Ich mache Lacramioara auf etwas Watte eine Salbe gegen die Schmerzen. Mal sehen, ob es besser wird. Damit ist sie zufrieden. Zwei Tage später ist die Schwellung vorüber und ihr tut nichts mehr weh. Also war meine "Behandlung" gar nicht so schlecht.

Hanka Oberreich aus Leipzig war 2001 Bukarest und Ploesti, Rumänien
.
.
Back to Main Page