Pristina, Kosovo
2003
Lena Noesselt und Katrin Thomas
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Nach fast zweieinhalb Wochen auf der Infektiologie sind wir nun auf der Gynäkologie - im Kreißsaal - gelandet. Die Kinder werden hier am wie am Fließband geboren - in 24 Stunden im Schnitt (!) 40 Geburten. Im letzten Jahr waren es über 13.000. Dem entsprechend ist der Ablauf einer Geburt hier ziemlich unromantisch. Ab auf den Gebärstuhl, wenn's nicht schnell genug geht wird medikamentös nachgeholfen, Kind raus, nach 24 Stunden ab nach Hause. Die Männer dürfen und wollen wohl auch nicht dabei sein. Um endlich auch einen Jungen zu gebären (das Ansehen der Frau steigt ungemein, ihre Ehre, ihr Wert) wird zur Not auch ein 4. Kaiserschnitt in Kauf genommen. So' n Schnick-Schnack wie Wassergeburten, Musik bei der Entbindung, Schwangerschafts- und Rückbildungsgymnastik sind natürlich undenkbar. Eine Intimsphäre gibt es quasi nicht. Dauernd stehen etwa 4 bis 9 Leute im Raum, gucken zu, untersuchen, rennen wieder raus, kommen wieder... Auch die Reinigungsfrauen halten ein Schnäckchen im Zimmer und warten auf ihren großen Einsatz. Wir sind immer noch und immer wieder begeistert und fast beschämt von der wahnsinnigen Gastfreundschaft, die uns die Albanerinnen und (wir müssen es zugeben) besonders die Albaner entgegen bringen, anscheinend wirklich ohne Hintergedanken. Leider aber machen auch die offensten Albaner beim Thema "Serben und Serbien" dicht (siehe Christophers Mail). Die Erfahrungen aus der Zeit der Unterdrückung durch die Serben und des folgenden Krieges sitzen sehr tief. Vielleicht ist diese mangelnde Bereitschaft für Akzeptanz gegenüber den jetzt in Kosova unterdrückten und verfolgten Serben ein Zeichen der Traumatisierung der gesamten albanischen Bevölkerung. Wir werden hoffentlich nicht müde, immer wieder den Dialog mit den Menschen über den Konflikt zu suchen, der oft so frustrierend ist.

Lena Noesselt und Katrin Thomas aus Berlin waren 2003 im Kosovo

 
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