Hamilton, Kanada 
2002
Claudia Raichle
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Ich befinde mich in einem abgedunkelten Raum, durch eine Scheibe beobachte ich ein kleines Kind namens B., das einer Kinderärztin eine Brandwunde auf seinem Bauch zeigt. Minuten später versuche ich festzuhalten, wie B. der Ärztin zögernd seine Geschichte erzählt. Ich schreibe Dinge nieder, die ich nicht glauben möchte. "It was a cigarette…".Ein freundlicher Raum, bunte Wände, Spielsachen, an der Wand gegenüber das Bild, auf das mein Blick seit Wochen immer wieder fällt. Ich lausche einer freundlichen, liebevollen Stimme, die mir inzwischen sehr vertraut vorkommt. Die Stunde ist fast vorbei und ich spüre eine Veränderung in dem Jungen, mit dem Joanna spricht. Sie scheint seine unsichtbare Schutzmauer ein wenig durchbrochen zu haben. 

Mein Kopf ist so voller Erinnerungen (sei es die Mitarbeit im Child Advocacy and Assessment Program = CAAP in der McMaster University, die Famulatur in Joannas Kinderpsychiatriepraxis oder ein Treffen der "Physicians for global survival", der kanadischen IPPNW)! Ich habe zwei wunderschöne Monate in Kanada verbracht und genieße es zu spüren, wie mich die vielfältigen Erfahrungen beeinflusst und ein wenig verändert haben. Die Santa Barbaras haben mich sehr offenherzig und freundlich empfangen und ich habe mich in der Zeit, die ich mit ihnen verbringen durfte, wie ein Familienmitglied gefühlt. Es ist nicht einfach, in Worte zu fassen, was ich alles gelernt habe. 

Medizinisch gesehen hat sich mir ein sehr interessantes, breit gefächertes Gebiet aufgetan: Kinder- und Jugendpsychiatrie, speziell Kindesmisshandlung. Sowohl in Joannas Praxis als auch im CAAP Team konnte ich meine Beobachtung schulen, aus der Interviewtrickkiste erfahrener Menschen lernen, sehen, wie man schwierige Gesprächssituationen meistert.…Ich habe einen Einblick in Therapiemöglichkeiten von Medikamenten über Gesprächstherapie zu verschiedenen Programmen für "schwierige" Kinder bekommen. Wahnsinnig toll war die Erfahrung, in einem sehr guten Team mitzuarbeiten und außergewöhnliches teaching zu erfahren: Das CAAP Team besteht aus ÄrztInnen (ja, es gibt inzwischen einen männlichen Arzt im Team…), Child Life Specialists, einer Krankenschwester, Sozialarbeiterinnen und PraktikantInnen. Sie interviewen Familienmitglieder in Hinblick auf jegliche Form von Kindesmisshandlung oder Vernachlässigung und entscheiden in gemeinsamen Mittagsbesprechungen (mit leckerem Kuchen…), welches weitere Vorgehen sie den überweisenden Jugendämtern und Familien empfehlen sollen. Die Zusammenarbeit ist geprägt von gegenseitigem Respekt, was sich auch auf das Verhältnis zu Studenten und den begutachteten Familien auswirkt. Ich hatte die Gelegenheit, Interviews sowohl hinter der Glasscheibe als auch zusammen mit einer Ärztin zu erleben, Berichte darüber zu schreiben und meine Eindrücke in Worte zu fassen. Das feedback, das sie mir gab, war mehr als hilfreich! Gesundheitseffekte von Krieg und Nuklearwaffen erarbeiten, ein nationales PGS Treffen besuchen und vieles, vieles mehr. 

Claudia Raichle aus Ulm war 2002 in Hamilton, Kanada
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