Ahmedabad, Indien
2002
Felix Haupt
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Indien...an sich schon ein Traum. Dort im Rahmen vom f&e-Projekt zu landen hätte ich mir damals im Dezember, als ich meine Bewerbung nach Berlin schickte, wirklich nicht erträumt. Dennoch fand ich mich Anfang August im turbulenten Treiben der indischen Großstadt Ahmedabad im Bundesstaat Gujarat wieder, um dort im Sheth Vadilal Sarabhai Hospital auf der Pädiatrie zu famulieren und um mich in verschiedenen Projekten aus dem public-health-Bereich zu engagieren. Wie auch die Studenten vor mir war ich bei einer indischen Gastfamilie untergebracht, die mir beim Eingewöhnen in diese völlig andere Kultur großartig helfen konnte und mich bei verschiedenen Unternehmungen im Stadtbereich begleitete. 

Innerhalb der vier Wochen Famulatur konnte ich auch an den Aktivitäten des Public & Social Medicine Department des benachbarten Medical College teilnehmen - unter anderem an einem WHO-finanzierten Impfprojekt direkt in den Slums und der "Mobile Clinic", also dem mit Arzt, Apotheker und Interns besetzen LKW, wo erkrankte Slumbewohner für eine Rupie pro Tag mit den nötigsten Medikamenten versorgt werden. Der Leiter des PSM-Department, Dr. Tapasvi, konnte mir auch einen Aufenthalt in Bhuj ermöglichen. Diese Stadt wurde während des Erdbebens vom Januar 2001 schwer beschädigt - noch immer sind dort über 60 lokale, nationale und internationale NGO´s mit dem Aufbau neuer Infrastrukturen und Unterkünften für die Bevölkerung beschäftigt. Auch das PSM-Department des Medical College war in der akuten Phase in die Hilfsmassnahmen eingebunden und steht noch in Kontakt zu Organisationen vor Ort, beteiligt sich aber nicht mehr direkt am Wiederaufbau. Die Altstadt von Bhuj ist immer noch schwer beschädigt, viele Gebäude dürfen wegen der Einsturzgefahr nicht betreten werden, andere sind völlig dem Erboden gleich. Viele Menschen, mit denen ich sprechen konnte, haben Verwandte oder Freunde verloren, wurden schwer traumatisiert.

An zwei Wochenenden konnte ich die Healthcamps einer anderen NGO kennen lernen: "Manav Parivar" organisiert die Versorgung von bis zu 6000 Patienten jedes zweite Wochenende. Während die Vorbereitungen sich über den ganzen Samstag Abend und die Nacht hinziehen, wird am Sonntag morgen mit der Versorgung der Patienten begonnen. Die Organisationsfähigkeit und der Enthusiasmus der Volunteers hat mich sehr beeindruckt. Man findet schnell heraus, wo man helfen kann, aber es war auch sehr interessant, sich zu den Ärzten zu gesellen, um Patienten mit zu untersuchen. Aber auch andere Aktivitäten der Gruppe waren interessant: Die Morgengebete zum Sonnenaufgang jeden Donnerstag unterstrichen den religiösen Hintergrund der Organisation und schafften eine Idee von dem Indien, wie man es sich vorstellt und wünscht - meditativ, positiv und friedlich - ganz im Sinn von Mahatma Ghandi, der übrigens in Ahmedabad lange Zeit gelebt hat.

Im "Rama Roti - Programm" werden im Civil Hospital Patienten und Angehörige auf der Krebsstation mit Mahlzeiten versorgt - das ist wichtig, denn wenn die Verwandten im Krankenhaus den erkrankten Familienangehörigen versorgen, bleibt keine Zeit zum Arbeiten bzw. zum Geld verdienen. Und wie soll dann das Essen bezahlt werden? In so sinnvollen Projekten teilnehmen zu können, war eine besondere Erfahrung.

Trotz der gespannten Lage nach den Gewalteskalationen zwischen Moslems und Hindus vom März 2002 in Ahmedabad und der schwierigen Situation mit dem benachbarten Pakistan habe ich meine anfänglichen Bedenken schnell verloren und fühlte mich sehr sicher. Dass in Gujarat die Konflikte dennoch noch nicht überwunden sind, führte mir der Anschlag auf einen Swaminarayan-Tempel in Ghandinagar, bei dem 44 Menschen ums Leben gekommen sind und den ich kurz zuvor besichtigt hatte, wieder vor Augen. In einem Land, in dem sich die Schere zwischen arm und reich immer weiter öffnet, entladen sich die Ungerechtigkeiten durch Taten Einzelner. Der Wunsch nach Frieden besteht dennoch und wird in der tiefen Verehrung Ghandis und seiner Ideen deutlich.

Die Erfahrung zu machen, trotz aller Unterschiede auch viele Gemeinsamkeiten zu finden, Menschen kennen zu lernen und Freundschaften zu errichten, war wirklich toll und machte das f&e-Projekt Indien in diesem Jahr für mich zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Felix Haupt aus Rostockaus Erlangen 2002 war Ahmedabad, Indien
 
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